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Glaube: Ernsthaft?

Über kaum etwas reden die Deutschen so verdruckst wie über ihren Glauben. Wie man das besser hinbekommt, können wir von unseren Kindern lernen.

Von Verena Friederike Hasel

27. März 2018, 17:05 Uhr Editiert am 30. März 2018, 17:01Uhr
137 Kommentare 
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14/2018.  
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Mama, wie lange bleiben wir eigentlich in der Kiste?

Ich liege neben meiner Tochter. Eigentlich wollte ich sie ins Bett bringen, bin dabei aber wieder mal selbst eingeschlafen.

"Welche Kiste?", frage ich.

"Na, die, in die man kommt, wenn man tot ist", sagt meine Tochter. "Können wir zusammen in eine Kiste? Und mein Stoff-Flamingo auch? Holt uns Gott mit einer Wolke hoch? Und behalte ich im Himmel meine blonden Haare?"

Ich glaube nicht an Gott. Kann es nicht, habe es nicht in mir. Als Kind wurde ich weder getauft noch konfirmiert. Meine Mutter fand, dass ich selbst entscheiden solle, und ich entschied mich dagegen. Zu verstörend fand ich manche Passagen aus der Bibel. Allein die Vertreibung aus dem Paradies. Ich wuchs allein bei meiner Mutter auf, meine Vatersehnsucht war groß, und für mich las sich die Geschichte so: Da stellt ein Vater seinen Kindern einen Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch. Nichts davon essen, sagt er und geht. Natürlich naschen die Kinder doch, woraufhin der Vater sie rausschmeißt.

Aber was hat er denn erwartet? Warum überhaupt die Süßigkeiten? Macht es ihm am Ende Spaß, seine Kinder zu bestrafen?

Egal wie sehr ich mir einen Vater wünschte: So einen wollte ich nicht.

Mama, kommt der Dieb von deinem Fahrrad auch in den Himmel?

Im Religionsunterricht redeten wir über solche Themen nicht. Wir sprachen stattdessen über die Anfechtungen der Stadt, in der wir groß wurden. Berlin. Drogen. Alkohol. Der Einzige, der mich während meiner gesamten Jugend in ein Gespräch über Gott verwickeln wollte, war ein Zeuge Jehovas, der am U-Bahnhof den Wachtturm verkaufte. Später machte ich eine Psychoanalyse. Über drei Jahre hinweg sah ich meine Analytikerin häufiger als die meisten im Laufe ihres Lebens einen Pfarrer. Der Weg zum Glauben war mir damit endgültig verschlossen. Für Sigmund Freud war Religion eine universelle Zwangsneurose.

Nun ist geschehen, was ich nie für möglich gehalten habe. Meine Kinder glauben an Engel, sie glauben an ein Wiedersehen nach dem Tod, sie glauben, dass Gott auf sie aufpasst. Neurotisch kommen sie mir dabei nicht vor. Eher fröhlich und unbefangen. Nach der Geburt unserer kleinsten Tochter spielten die beiden älteren begeistert "Maria, Joseph und das kleine Jesusbaby" mit ihr. Und als wir im Sommer in den Schweizer Bergen an einer Kirche vorbeikamen, hinterließen sie neben dem Altar Briefe an Gott. Die Gelegenheit erschien ihnen günstig. "Hierher hat es Gott nicht so weit", erklärte mir die Fünfjährige. Sie wurde zu dieser Zeit von Albträumen geplagt und diktierte mir für ihren Brief, dass Gott machen solle, dass diese Träume verschwinden. In der darauffolgenden Nacht schlief sie ruhig wie lange nicht mehr.

Manchmal beten meine Töchter auch. Die eine bedankt sich bei Gott, dass sie Klassensprecherin geworden ist, die andere bittet um ein Wiedersehen mit der ehemaligen Erzieherin. Gemeinsam bitten sie ihren Vater im Himmel darum, dass der Vater auf Erden ihnen endlich mal wieder Pfannkuchen macht (und sorgen dafür, dass der das auch hört).

Mama, ist das ein anderer Gott, der will, dass sich Frauen einwickeln? Ist er mit unserem verwandt? Gibt es noch mehr Gotts?

Kinder hätten "ein unglaubliches Bedürfnis zu glauben", hat die Psychoanalytikerin Julia Kristeva geschrieben. Irgendwann haben auch meine Töchter begonnen, über Gott wie über eine Tatsache zu sprechen. Anfangs hat mich das irritiert, manchmal geärgert. Nicht nur einmal habe ich darüber nachgedacht, ihnen Gott wieder auszureden. Aber darf ich das? Ihnen etwas nehmen, nur weil ich es nicht habe?

Mama, hast du Gott schon mal gesehen?

Ich begebe mich auf die Suche. Wonach? Suche nach Gott klingt mir zu groß. Ich will vor allem herausfinden, wo ich mir etwas an Glauben ausleihen kann, das mir in den Gesprächen mit meinen Kindern hilft. Und ich habe selbst viele Fragen. Im Englischen gibt es die Unterscheidung zwischen sky und heaven. Sky ist der blaue Himmel über uns, heaven der religiöse Himmel. In der Kindheit fallen die beiden zusammen, aber wie ist das, wenn der Glauben erwachsen wird?

Die Religion der anderen

Was ich feststelle: Heute wird viel mehr über Religion gesprochen als in meiner Kindheit. Kaum ein Tag, ohne dass die Medien etwas bringen. Neueste Zahlen, wie viele Muslime es zukünftig geben wird. Ein Kommentar eines Kirchenoberen zum Zusammenleben der Religionen. Und doch ist das alles seltsam glaubensfern. Selbst die Predigten, die ich höre, als ich versuchsweise in Gottesdienste gehe, erinnern mich an Leitartikel, die ich in der Zeitung lese. Meine Kinder wollen aber, seit ich ihnen ein Poster über die Entwicklung des Menschen geschenkt habe, vor allem wissen, warum von den Affen nichts in der Bibel steht.

Ich wende mich an Freunde, von denen ich weiß, dass sie getauft und konfirmiert sind, um mehr über ihre Glaubensvorstellungen zu erfahren. Selbst einige, die vor Kurzem noch kirchlich geheiratet haben, reagieren ausweichend: "So richtige Christen sind wir doch auch nicht." Ich staune noch mehr, als ich keinen finde, der an die Auferstehung Jesu glaubt. Wer war Jesus dann? Nur ein guter Mensch? So genau, sagt eine Freundin, wolle sie darüber gar nicht nachdenken. Eine andere sagt, sie merke, dass sie nicht über ihren Glauben sprechen könne. "Das klingt alles so albern, wenn ich das laut sage." Und ein Freund meint, er habe Angst, dass sein Glauben durch solche Gespräche kaputtgehe. Habe ich zu inquisitorisch nachgefragt?

Mama, liest Gott in der Zeitung nach, was auf der Welt passiert?

Aber meine Freunde sind nicht die Einzigen, die lieber schweigen. Laut einer Umfrage der Evangelischen Kirche in Deutschland reden die meisten Kirchenmitglieder selbst in ihren Familien kaum über ihren Glauben. Warum auch, könnte man sagen. Es gibt ja keinen religiösen Offenbarungszwang. Zugleich sind wir aber ansonsten so eine tabulose Gesellschaft, dass es schon erstaunlich ist, wenn ausgerechnet der Glaube so radikal ausgespart wird. Daran dass er keine Rolle mehr spielt, kann es nicht liegen. Immer noch bezeichnet sich die Mehrheit der Deutschen als Christen. Die meisten glauben also – aber was und wie, das ist ein weites Feld, über dem sich eine merkwürdige Stille ausgebreitet hat.

Mama, hat Gott die Menschen bei der Sintflut wirklich getötet? Und die Tiere dazu?

Über eine Religion spricht man allerdings gern. Und das ist die Religion der anderen. Der Islam. Deutsche lieben Gespräche über den Islam. Sie wissen auch genau, was er braucht. Wissenschaftliche Kritik, Reform und Aufklärung. Über strenge Muslime, die das nicht einsehen, schüttelt man den Kopf. Wie kann man nur so buchstabentreu glauben?

Ich frage mich: Ist es nicht ungeheuer schwer, anders zu glauben, abstrakter?

Jeder Glaube, schreibt Julia Kristeva, beruht auf einer großen Leidenschaft für die Objektbeziehung. Man geht von der Existenz eines idealen Anderen aus und nennt ihn Gott. Dass man das, was man für sein Wort hält, nicht nach Belieben relativiert, ist da eigentlich nur logisch. Wie heilig ist ein heiliges Buch noch, wenn man anfängt, es als historisches Dokument zu lesen?

Ich habe den Eindruck, dass Christen so ungern über ihre Religion sprechen, weil es da diese schwer erträgliche Spannung gibt. Die Überzeugung, dass Jesus von den Toten zurückgekehrt ist, hat das Christentum einst begründet. "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich und so ist auch euer Glaube vergeblich", steht im Korintherbrief. Heute glauben daran in Deutschland nur noch die Hälfte aller Christen. Noch weniger glauben an das ewige Leben.

Kommt die Wut auf Muslime vielleicht auch daher, dass sie eine Sicherheit haben, die man selbst verloren hat?

Wie viel kann man von einer Religion abziehen, ohne sie zu beschädigen?

Mama, wer ist denn nun der Vater? Gott oder Joseph?

Als meine älteste Tochter auf eigenen Wunsch hin getauft wird, schlägt die Pfarrerin vor, dass ich einen Glaubenskurs besuche. Jeden Mittwochabend, sechs Wochen lang. Gespräche über Gott und die Welt.

Glaube ist wie Igelschlucken

Glaube – wenn man ihn denn ernst nimmt – ist wie Igelschlucken. Wir schlucken an diesen Mittwochabenden viele Igel. Die Frage, ob Gott jemandem wie Hitler vergibt, bringt einem nicht den Ruf ein, ein unterhaltsamer Gast auf Dinnerpartys zu sein. Wir diskutieren darüber. Und irgendwann traue ich mich. "Wie stellt ihr euch eigentlich das Leben nach dem Tod vor?", frage ich.

Sofort schäme ich mich. Einen Menschen danach zu fragen, wie er sich das Jenseits vorstellt, ist in etwa so, als würde man sich erkundigen, ob er regelmäßig masturbiert. Das haben mir meine Erkundigungen im Freundeskreis gezeigt. Wie froh bin ich, als ich merke, dass mir die anderen hier die Frage nicht übelnehmen. Und wie überrascht, als ich feststelle, dass sie sich ebenfalls schämen. Die einen, weil sie wie Kinder an Gott im Himmel glauben. Die anderen, weil sie finden, dass sie sich zu sehr von dieser Vorstellung entfernt haben. So viel Scham überall. Wäre nicht allein das ein Grund, mehr zu reden?

Vor Kurzem erschien das Buch Das Alphabet der Kindheit, in dem die Pädagogin Helge-Ulrike Hyams wichtige Themen des Aufwachsens behandelt, von A bis Z. Ich blätterte sofort zu G. Kein Gott. Dann zu R. Auch keine Religion. Ich schrieb der Autorin, und sie schickte mir eine wunderbare kleine Abhandlung über den kindlichen Hunger nach Transzendenz. "Die Familie", steht darin, "sollte das Kind nicht hungern lassen. Sie sollte es nicht allein lassen mit seiner Sehnsucht." Es gab das Kapitel also, aber der Verlag hatte sich entschieden, es nicht zu drucken.

Unsere Gesellschaft, durch und durch weltlich orientiert, nimmt das Bedürfnis zu glauben nicht ernst. Mehr noch: Wir wollen es nicht wahrhaben. Wir lassen das Kapitel einfach weg. Aber warum?

Vielleicht glauben wir, dass aufgeklärte Menschen so etwas wie Religion gar nicht nötig haben. Vielleicht fürchten wir uns auch vor schwierigen Fragen. Bloß: Die auszuhalten macht doch gerade den aufgeklärten Menschen aus, oder nicht?

Und mit welchem Recht fordern wir eine Grundsatzdebatte über den Islam ein, wenn wir es selbst kaum ertragen, über den Glauben zu sprechen, der uns doch zumindest alle geprägt hat?

Ich selbst glaube weiterhin nicht, mir ist aber die Schönheit des christlichen Glaubens bewusst geworden. Da kommt einer, um die Menschen zu retten, und ist das wehrloseste aller Wesen.

Ich empfinde jetzt auch nicht mehr diese Scheu, wenn es um Religion geht. Ich lese meinen Töchtern aus der Bibel vor, ich frage unsere afghanischen Freunde, warum sie glauben, dass Allah nicht will, dass Frauen ihre Haare zeigen, und ich habe den Pfarrer aus meiner Gemeinde gefragt, wie Gott so grausam zu Adam und Eva sein konnte. Dass er mir ausführlich, ernsthaft und sehr persönlich geantwortet hat, hat mich mehr bewegt als jede Predigt.

Nachdem meine Tochter neulich eingeschlafen war, lag ich noch lange wach, denn eigentlich habe ich genauso viele Fragen wie sie, auch wenn ich sie Tag für Tag verdränge.

Sehe ich meine Mädchen nach dem Tod wieder?

Passt irgendjemand auf?

Bleibt etwas von uns übrig?